PHOENIX – AM ASCHERMITTWOCH GEHT ES WEITER

 

Ein Text über Silvester in Köln, gute Vorsätze, den Rausch und vor allem über die Angst.

Vorsätze

 

Ich dachte: „Verflucht! Jetzt ist Februar und ich hinke 2016 schon voll hinterher!“
All die guten Vorsätze fürn Arsch.

Silvester war schön.
Ich habe in Köln gefeiert.
Zuhause.
Freunde. Spiele. Musik. Gespräche. Hoffnungen. Genuss. Liebe.
Gute Vorsätze: Mehr Disziplin, mehr schreiben, mehr aus mir rausgehen, mehr unter Leute.
Mehr, mehr, mehr.
Und endlich diese bescheuerte Unsicherheit loswerden, das schlechte Gewissen und diese lähmende Angst – ein für alle Mal!
Außerdem hatte ich mir vorgenommen, öfter nüchtern zu sein, mich nur noch mit Bedacht zu berauschen, zu besonderen Anlässen.

Naja, letzteres ist schon mal in die Hose gegangen.
Gab schon einiges zu feiern dieses Jahr, zu viele Ausnahmen und zu vieles zum Vergessen und dann noch die Schuldgefühle
Das wirkt sich auch nicht gerade positiv auf den Vorsatz mit der Disziplin aus. Darum kommt dieser Beitrag zu Silvester auch erst jetzt…nach Karneval.

Think positive…ja, klar…

Ich hab das schon gecheckt woher das kommt, so. All die Zweifel, die Vorsicht, die Sorgen. Glaubenssätze, Muster, Traditionen, Erziehung und all der Kram. Alles hat nen Einfluss auf dich. Darauf, wie du dich verhältst, wie du denkst, was du fühlst, was du tust. Man sollte das alles hinter sich lassen und verzeihen. Frieden schließen. Im Hier und Jetzt leben und versuchen sich gut zu fühlen, positive Dinge manifestieren, ein gesundes, kollektives Bewusstsein, ein gutes Umfeld schaffen. Dann wird alles gut.
Nach dreißig langen Jahren in dieser Welt habe ich das gecheckt und auch schon hin und wieder erfolgreich angewandt.

Aber fuck, es ist so schwer manchmal! Ich mein, was ist das für ein Zirkus, diese Welt? Simpel gesagt: Auf der einen Seite verrecken die Menschen, auf der anderen Seite leben sie im Überfluss. Und auf beiden Seiten herrschen Angst und Unzufriedenheit und vor allem das Geld, größte Droge der Menschheit. Richter über dein Leben. Und ich gucke zu.

Ne Freundin von mir hatte letztens den Weltschmerz. Dann sind wir raus nachts, im Rausch durch Köln gezogen, den Schmerz betäubt. Ohne Armlängen. Ohne Angst.

Ja, Köln. Große Liebe. Große Hassliebe. Hier kenne ich alle Straßen. In Weihertal geboren, drei Jahre tiefstes Kalk, großgeworden am Ebertplatz. Hansaring. Nippes. Ich bin ein Stadtkind. Grundschule mit den Bonzentöchtern im Agnesviertel. Die Nachmittage draußen mit den Boys in Blumenberg. Dann die Jugend auf der 51. Schäl Sick. Hart werden in Höhenhaus. Ausrasten in Mülheim, und die erste große Liebe küssen am Baggerloch in Dünnwald. Neue Liebe in Weiden finden. Gemeinsam in Ehrenfeld landen. Bleiben wollen. He wo ich jroß jewode ben…
Und dann kam Silvester.

Zurück zu Silvester

Wie gesagt, ich hab Silvester in Köln verbracht und Silvester war richtig gut.
Power.
Fireworks.
Und am nächsten Tag machst du den Fernseher an und es ist wieder grau.
Grau und Scheiße.
Und ein paar Wochen später, warnen sie dich davor, im Dunklen vor die Tür zu gehen, wegen der Bürgerwehren und deiner Hautfarbe.
In Orten wie Bad Mödling dürftest du ohne Begleitperson nicht mehr ins Schwimmbad, weil du ein Mensch mit „Migrationshintergründen“ bist.

Und ich denk nur WTF.

Das kann man nüchtern doch gar nicht ertragen.


Und dann sitze ich da und denke: Verflucht! Jetzt ist Februar und ich hinke 2016 schon voll hinterher! Dabei hatte ich mir so viel vorgenommen. So viele gute Vorsätze!

 

Und dann sitze ich da und denke: Aber scheiß drauf. Scheiß auf Silvester, auf Köln, auf die Nazis, auf Karneval, auf diese kranke Welt und all meine Scheißvorsätze.
2015 war doch gut. Ich saß mit dem Tod in einem Raum und hab trotzdem weitergemacht. Man gab mir Chancen (Danke, Thea!)
Ich habe gesät und ich habe geerntet.
Das reicht doch!
Ich ruh mich aus auf meinen Lorbeeren, jawohl!
Lasst mich in Ruhe mit eurem Stress!

Und die Lorbeeren trockneten langsam. Dann habe ich sie zerbröselt und in der Pfeife geraucht – solange bis nichts mehr davon übrig war. Nur Asche.

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Aber jetzt bin ich wieder wach.
Wach und klar.
Das ist alles nur Angst. Angst und Angst vor der Angst.
Wer Angst hat, will fliehen. Aber das ist oft der falsche Weg.
Und darum stelle ich mich.
Gute Vorsätze sind okay. Du musst dir nur bewusst darüber sein, dass sie eine Ansammlungen von Dingen sind, die du an dir hasst. Und es macht dich krank, wenn du dich nur damit befasst. Mit deinem Selbsthass.
Eine gute Freundin von mir schenkte mir vorn paar Wochen ein Sorgenpüppchen. Ein kleines Ding, dem du deine Sorgen erzählst und dann ab unters Kopfkissen damit. Sorgen vergessen. Und irgendwann sind sie weg. Ich mach das jetzt so ähnlich mit den Vorsätzen. Aufschreiben und fott damit. Deadline ist das Ende meines Lebens. Lebenslanges lernen.
Angst ist ein Gefühl und Gefühle sind ansteckend. Klar, dass du Schiss hast, wenn alle um dich herum Schiss haben.
Uns trennt nichts vom Paradies außer unserer Angst…
Darum: ich versuchs mal mit Zuversicht und Liebe, immer dann wenn ich den Kopf wieder in den Sand stecken will. Und ich bin nicht mehr so streng mit mir.
Das wird schon.
Am Aschermittwoch geht es weiter.
Schritt für Schritt.

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