WORAN KANN ICH GLAUBEN?

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Opa starb genau einen Monat vor meinem dreißigsten Geburtstag.  Sein Tod trifft mich mitten in der Quarterlife Crisis. Dazu gibt es mittlerweile sogar einen Wikipedia-Eintrag. Identitätskrise, Sinnfragen und Nachdenken über das Leben. Über den Tod.

Ja, was passiert denn nach dem Tod? Woran kann ich glauben?

Ich wurde katholisch getauft. Meine heilige Kommunion empfing ich noch mit Freude, weil ich das wochenlange Mobbing meiner frommen Mitschüler im Kommunionsunterricht endlich hinter mir hatte. An Sankt Martin durfte ich sogar mit meinem Religionslehrer auf einem Pferd durch Köln reiten. Wochen später stand ein Artikel über ihn in der Zeitung. Er soll mehrere Kinder sexuell belästigt haben.

Irgendwann kehrte ich der katholischen Kirche den Rücken. Evangelisch wollte ich auch nicht werden, war den Personenkult satt, den die meisten Religionen mit sich ziehen. Außerdem frage ich mich, wo der Himmel ist, in den wir nach dem Tod kommen sollen, wenn wir nur ein gottesfürchtiges Leben führen. I am a sinner who’s probably gonna sin again. Wenn ich mit dem Flugzeug fliege, sehe ich Wolken und darüber das Nichts. Das kann nicht der Himmel sein. Wenn das der Himmel ist, wo sind sie dann, die Engel? Woran kann ich glauben?

Ich wollte mal Buddhistin werden. Nicht richtig, weil ich Fleisch esse. Aber die Philosophie dahinter gefällt mir und auch die Sache mit der Wiedergeburt. Ein tröstender Gedanke. Ich dachte mir immer, die Tiefsee, das muss die Hölle sein. Dort unten in der Dunkelheit werden all die Arschlöcher und Tyrannen wiedergeboren, um ihr Dasein in der Dunkelheit zu fristen. Am Wochenende habe ich den Film „Stone“ gesehen. Darin heißt es auch, dass wir vielleicht alle immer und immer wiedergeboren werden, um für unsere Taten aus früheren Leben geradezustehen. Ein endloser Kreis, denk ich mal, weil nobody is perfect. Irgendwann in seinem Leben hat selbst der Dalai Lama mal was falsch gemacht. Darauf wette ich.

Trotzdem. Der Glaube an die Wiedergeburt gefiel mir und ich glaubte letztens sogar, meinen Opa in einer Schwebewespe wiedererkannt zu haben, die minutenlang und seelenruhig vor mir herschwebte. Den Gedanken verwarf ich aber schnell. Um als Schwebewespe wiedergeboren zu werden, dazu hatte Opa ein zu gutes Karma. Astrologisch gesehen bedeutet Karma, dass all unsere Taten auch Konsequenzen nach sich tragen. Das ist logisch. Tue Gutes und dir widerfährt Gutes.

Dann haben Alex und ich auf YouTube allerdings eine Doku übers Universum gesehen. Darin hieß es, dass die Sonne irgendwann explodieren und die Erde verbrennen wird. Zwar erst in vielen Millionen Jahren. Aber wohin dann mit all den Seelen, die darauf warten neu geboren zu werden? Woran soll ich glauben?

Das war wohl nichts mit der Wiedergeburt. Pessimismus macht sich breit. Kriege. Flüchtlingsdramen. Reichtum und Armut. Korruption. Rassismus und Terror. Wer will freiwillig in so eine Welt wiedergeboren werden? Die wenigsten von uns haben das Glück auf der richtigen Seite irgendeiner Grenze geboren worden zu sein und selbst wenn, kann sich das mit der Richtigkeit ganz schnell ändern. Vielleicht werden eines Tages wir die Flüchtlinge sein. Wer wird uns dann aufnehmen wollen?

Wo wir wieder beim Karma wären. Jede tat hat Konsequenzen und es liegt an mir, was ich daraus mache. Mein Opa hat mir viel Gutes beigebracht. Er war ein hilfsbereiter Mensch. Wie der Vater so die Tochter, so der Sohn, meine Mutter, meine Tanten, mein Onkel. Und so versuche auch ich etwas Gutes in den Alltag zu integrieren. Ich versuche es.

Und plötzlich ist da ein Hoffnungsschimmer. Erinnerungen. Ein guter Freund verlor vor kurzem seinen Vater und schrieb mir: man muss seine lieben in ehren halten.
Und ich glaube, genau das ist das Leben nach dem Tod.

Als wir beide siebzehn waren, starb die Mama meiner Lebensfreundin. Und obwohl ich gleich gegenüber von dem Friedhof wohne, auf dem ihre Asche begraben liegt, besuche ich das Grab nur selten. Trotzdem werde ich nie ihre Stimme vergessen und ihre liebevolle und stolze Ausstrahlung und das Selbstbewusstsein, das sie uns pubertierenden Teeniegirls mit auf den Lebensweg gab. Ich werde immer an sie denken. Genauso wie an Luis und Resi und Opa und all jene, die nicht mehr da sind.
Bis ich selbst nur noch eine Erinnerung bin.

 

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