GLADIATOR

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Mein letztes Mal Italien war auf Abschlussfahrt in der zehnten Klasse irgendwo am Meer in einem ekligen Hotel. Mit Pinar K. und Tugce C. in einem Zimmer. Mit Saufen am Strand und der Scheiße, die man so macht, wenn man fünfzehn ist und in Deutschland aufwächst. Und mit Eugen, der irgendwie irgendwas von mir wollte. Vermutlich Sex.

Mittlerweile hat Pinar K. schon drei Kinder, von Tugce C. weiß ich nichts mehr. Die ist nicht bei Facebook. Eugen soll gestorben sein, habe ich gehört. Ich hoffe, das stimmt nicht. Wie die Zeit vergeht, wie kurz das Leben ist. Fast fünfzehn Jahre später bin ich wieder hier. Diesmal nicht am Meer, sondern in Rom. Im Februar. Anderthalb Tage Sauwetter in Bella Italia. Bei Kälte und Regen ist es doch überall Scheiße. Der Trevi-Brunnen ist ausgepumpt, der Kellner im Restaurant unfreundlich, das Brot furztrocken und die Tortellini-Portion viel zu klein, viel zu teuer. Heute scheint endlich die Sonne.

Wir sitzen auf den abgewrackten Stufen im Kolosseum und tanken UV-Licht, lassen es uns dort gutgehen, wo vor hunderten von Jahren die munera und venationes stattfanden. Gladiatorenkämpfe und Hetzen mit wilden Tieren. Die Stimme im Audio-Guide sagt, das waren echte Massaker. Meistens kämpften die Gladiatoren gar nicht freiwillig, waren Kriegsgefangene, die als Menschenopfer in die Arena gejagt wurden. Um sicherzugehen, dass die Erlegten auch wirklich tot sind, wurden ihre am Boden liegenden Körper mit heißen Eisen angestupst – zur Vorbeugung gegen Simulanten, die feige ihren eigenen Tod vortäuschten. Nur die Sieger kamen mit dem Leben davon. Und mit Juwelen und Preisgeld. Macht und Reichtum. Auch heute noch die höchsten Güter unserer. Die Ruine des Kolosseums gleicht einem Mahnmal für die Barbarei. We love to entertain you.

Hotelzimmertapete.

Hotelzimmertapete.

Morgens im Hotel sitzen wir dann am Frühstücksbuffet.
Ich: „Das Croissant schmeckt eigenartig. So pappig und nach Zitrone. Bäh!“
Er: „Aus der Kaffeemaschine schmeckt auch einfach alles nach Kakao.“

Am Nachbartisch sitzen auch Deutsche. Eine Fette, eine Alte und eine Magersüchtige.
Die Fette sagt: „Der Kuchen schmeckt scheiße!“
Die Magersüchtige sagt: „Ich will neben der Arbeit noch eine Fortbildung machen. Ich will weiterkommen!“
Die Alte sagt: „Schlag dir das mal aus dem Kopf, das ist viel zu anstrengend. Bin ich froh, wenn wir wieder daheim sind und ich vernünftige Brötchen essen kann!“

Deutsche müssen immer meckern, denke ich und bin doch kein Deut besser, als die anderen. Wir haben Urlaub, verdammt. Und wir können verreisen. Das ist schon ein verdammt hohes Niveau.

Es regnet wieder und wir gehen ins Kino, gucken „Birdman“ auf Englisch. Ein Film darüber, dass man ja schon jemand sein will, etwas Besonderes. Aber es gibt so viele Menschen und gab so viele Menschen und wird so viele Menschen geben.

Und jeden Tag sterben Menschen, werden von anderen Menschen getötet, jetzt gerade wo ich das hier schreibe, wo du das hier liest. Während ich meinen Cappuccino trinke oder im teuren Magazin blättere, das ich mir am Flughafen gekauft habe. Während ich in den Ruinen des Kolosseums in der Sonne sitze und mir via Audio-Guide anhöre, wie die Menschen hier zu Tode kamen, zur Belustigung des Volkes.

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Meckern und heimlich Fotos in der Sixtinischen Kapelle machen, obwohl das verboten ist…

 

PS. Mir fällt grad ein, dass genau vor fünfzehn Jahren auch der Film „Gladiator“ in die Kinos kam. Mega!

Maximus: „Ich bin doch nur da, um den Pöbel zu belustigen!“

Lucilla: „Das ist Macht! Der Pöbel ist Rom!“

We blame society, but we are society.

Ciao!

 

2 Gedanken zu “GLADIATOR

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