HIGH SEIN #2

oben_esther donkor

Im Bus Richtung Flughafen Tegel. Ein Mann und ein Junge sitzen zu zweit gleich hinterm Fahrer. Der Junge hat eine Gitarre auf dem Schoß, der Mann eine gelbe Nettotüte.

Im Bus Richtung Flughafen Tegel. Ein Mann und ein Junge sitzen zu zweit gleich hinterm Fahrer. Der Junge hat eine Gitarre auf dem Schoß, der Mann eine gelbe Nettotüte.

„Ich habe ihm gesagt, dass er da mitmachen soll und dann ist er sogar ne Runde weitergekommen!“, erzählt der Junge.
„Wir machen schon unseren Weg. Langsam und Stück für Stück. Wie eine Schlange kommst du nach oben!“, sagt der Alte
„Wie ich dich hab spielen sehen, da wusste ich schon, dass du es schaffen kannst. Du warst wie im Rausch. Vergiss die anderen! Die haben alle Schwachpunkte. Du bist was ganz Besonderes, ein Überflieger! Du kommst an die Spitze!“

An der Station Schlossbrücke steigen die beiden aus, laufen mit großen Schritten über das breite Pflaster.

Am Gate. Anzugträger und Businesswomen, die über Deadlines klagen, über Kunden und Verkäufer und Gewinne und Akquise und Maximierung und Krisenmanagement, das zu keiner Lösung führt. Belegte Kapazitäten, zu viele Projekte, zu viele E-Mails mit leerem Inhalt, verfasst von unfähige Kollegen. Meetings und Termine.
Termine, Termine, Termine.
Und niemand steht am Boarding Schalter. Dabei sollten alle schon längst im Flieger sitzen.

„Aber ich bin ja zum Glück nur der Azubi.“, sagt einer mit Brille und ironischem Unterton.
„Nicht mehr lange, jetzt ist es zu spät.“, sagt der Mann, der neben ihm sitzt.
„Ich weiß.“, sagt der Azubi. „Ich habe meine Seele schon an den Teufel verkauft. Der Vertrag ist unterschrieben.“

Auf dem Gang in die Kabine. Grelles Licht gibt unvorteilhaft die Spuren der Übermüdung preis. Angespannte Gesichtszüge und Augenringe. Starre Blicke. Schlafen mit geöffneten Augen.

Dann sind wir oben. Seatbelt fastend.

„Ich möchte die Kollegen vom Bodenpersonal nicht an den Pranger stellen. Aber jeder weiß, dass der Berliner Flughafen oft an seine Grenzen stößt.“, sagt der Pilot. „Wir befinden uns in neuntausend Meter Höhe und fliegen jetzt mit der maximal zugelassenen Geschwindigkeit für dieses Flugzeug.“

Ich blicke aus dem Fenster ins Dunkel. Unter mir brennt es lichterloh in einem Waldstück. Kleine blaue Lichter blinken auf der orange beleuchteten Spielzeugstraße. Und wir fliegen im höchstem Tempo darüber hinweg, um die verlorene Zeit wieder aufzuholen.

„Was Süßes oder Salziges?“, fragen die Stewardessen.

Und ich erinnere mich an eine Schlagzeile, in der es hieß, dass die Fehlgeburtenrate bei Flugbegleiterinnen sehr hoch ist. Das Vielfliegen macht etwas mit dem Körper, mit den Gedärmen, mit den Menschen. High sein hat doch immer auch Nachteile.

Esther Donkor

 

Lies hier: HIGH SEIN #1

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