Mein Baby und die anderen

„Das geht alles viel zu langsam! Wann läuft er denn endlich?“
„Hast du Hunger, Kleiner? Bei Mama gibt’s ja nix Vernünftiges außer wässrige Milch! Gib ihm mal einen Kinderriegel!“
„Du willst einkaufen gehen? Lass das Baby doch einfach hier!“
„Bald bleibst du den ganzen Tag bei uns, Kleiner!“
„Bald übernachtest du hier!“
„Warum seid ihr zu spät? Das Baby hat zu lange geschlafen? Der muss sich doch mal an unsere Zeiten gewöhnen?“

Dass ich mit der Geburt meines Sohnes auch einen ganzen Haufen gut gemeinter, jedoch unerfragter Ratschläge in Sachen Kindererziehung erhalten würde, war mir von vorne herein klar.

Zum Glück ziehen mein Mann und ich an einem Strang, wollen unseren Sohn bedürfnisorientiert erziehen, Stillen und Schlafen nach Bedarf und nicht einem vorgegebenen Takt folgend. Das stößt bereits auf Unverständnis in der Verwandtschaft. „Früher war das anders! Einfach eine dicke Flasche in den Hals und ein paar Stunden Ruhe! Und warum tragt ihr ihn immernoch und legt ihn nicht einfach ab! Ein bisschen schreien lassen schadet nicht! Passt auf, dass er kein kleiner Diktator wird!“

Regte ich mich am Anfang noch tierisch über derartige Kommentare auf, prallen sie mittlerweile (meist) ab wie an einer teflonbeschichteten Bratpfanne. Es geht um deren Erwartungen an uns als Eltern. Und als Tochter/Schwiegertochter/Enkelin ist man da ja gerne rebellisch und will es anders machen (mein Sohn eines Tages mit Sicherheit auch).

Was mir allerdings nicht klar war, ist, dass das nicht die einzigen Erwartungen der Verwandtschaft sind. Sie hat nämlich auch klare Erwartungen an unseren Sohn.

Sowohl in meiner als auch in der Familie meines Mannes ist unser Sohn das mit Abstand jüngste Familienmitglied. Er bringt die Familie wieder zusammen. Familienmitglieder, die sich lange nicht haben blicken lassen, sitzen wieder bei der Oma im Wohnzimmer, wenn wir zu Besuch sind, meine und die Eltern meines Mannes gehen sogar zusammen aus und reden über ihren gemeinsamen Enkel. Alle freuen sich über das Baby und alle haben sie ihre eigenen Pläne und Vorstellungen davon, was sie mit ihm alles anstellen wollen.

Auf Familienfeiern wird er wie selbstverständlich herumgereicht, Baby, Baby du musst wandern von dem einen Arm zum andern. „Nimm ihn doch auch mal!“ heißt es da aus dem Mund einer Tante zur Cousine, ohne mich, die Mama, vorher zu fragen. Die Großtante trägt das Kind durchs halbe Haus und ich weiß nicht mehr wo sie sind. Und weitere Vorschläge und Ansagen:

„Ich kann ihn auch in die Trage setzen und mit ihm in den Park gehen.“

„Wir haben schon einen Hochstuhl gekauft, kannst also bald hier schlafen!“

„Bald bist du den ganzen Tag beim Opa!“

„Na, jetzt lach doch mal! Du wirst bei mir wohl keine Schnute ziehen!“

„Warum denn eine Tagesmutter? Der kann doch zu uns!“

„Wenn ich dieses Baby auf dem Arm habe, dann ist das meins!“

„Wie! Er weint, wenn er bei anderen auf dem Arm ist? Na, dann weint er halt mal!“

Es ist alles lieb gemeint, das weiß ich. Auch die rabiaten Erziehungstipps. Und ich freue mich und bin dankbar über all die Babysitter in der Umgebung und nehme vieles viel zu ernst (das tue ich ohnehin sehr oft im Leben, die Dinge zu ernst nehmen). Nur manchmal fühle ich mich für meinen kleinen Mann erdrückt.

Er hat eine große Familie. Eine sehr große. Unmöglich kann er all die Erwartungen erfüllen, die da auf ihn einprasseln, die Bedürfnisse derer erfüllen, die für seine (zum Beispiel in den Schlaf getragen und gestillt werden) wenig Verständnis aufweisen. Liegt es nicht an mir als Mama mich schützend wie eine Löwin vor ihn zu werfen?

Selbstverständlich wird Babymann eines Tages bei Oma und Opa übernachten, oder bei Tante und Onkel. Er wird der Oma beim Blätterfegen im Garten helfen und mit dem Opa in den Zoo gehen. Aber alles dann wann ER es möchte und nicht wann sie (oder wir als Eltern) es wollen – und das kann vielleicht lange dauern. Das ist wohl kaum in diesem ersten Babyjahr und vielleicht auch nicht im ersten Jahr als Kleinkind. Und vielleicht dauert es noch viele Jahre, vielleicht geht es auch ganz schnell. Das können wir nicht wissen, der kleine Mann entscheidet das ganz alleine. Bedürfnisorientiert erziehen heißt keinesfalls laissez faire. Wir Eltern haben die Verantwortung für unser Kind, wir wissen, wann es am besten für ihn ist eine Jacke anzuziehen oder schlafen zu gehen und diese Entscheidungen treffen wir für ihn. Wenn es aber um seine eigenen Grenzen geht, so darf er selber entscheiden, wo diese beginnen und enden. Er darf entscheiden auf wessen Schoß er sitzt, wem er ein Küsschen gibt, wen er wann anlächelt, bei wem er übernachtet und mit wem er Zeit verbringt. Und solange er das noch nicht kann, versuchen wir seine Signale zu deuten und entscheiden das für ihn und lassen ihn in unserer Nähe übernachten, nah bei Mama und Papa.

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