ABENDBROT

554195_original_R_K_by_Rolf Handke_pixelio.de

Feierabend. Kühlschrank leer. Ab zu REWE. Kaufe mir Tiefkühlsushi und taue es in der Mikrowelle auf. Während ich auf mein Essen warte, läuft im Fernsehen ne Doku über früher im Krieg, als der Tod immer reichere Ernte erhielt, weil die Leute nix zu Essen hatten.


125 Gramm Brotration am Tag und diejenige, die arbeiten gingen, bekamen 250 Gramm. Leute brachen einfach so zusammen auf der Straße. Die Todesziffern stiegen von Woche zu Woche. Leichen auf Schlitten. Oder Sterbende, die schon fast erfroren waren. Und einem Mann wurde die Hand abgehakt, erzählt eine Zeitzeugin, weil die Leute einfach so verdammt hungrig waren.
Die Blockade von Leningrad, 1944. Vom 8. September bis zum 27. Januar, erklärt der Sprecher.

100 Milliliter Alkohol und ein Stück Brot für Männer, die nachts Leichen aufsammelten. Und dann der Skorbut. Blasse Menschen mit tiefen, dunklen Schatten unter den Augen.
Ratten. Klirrende Kälte, Väterchen Frost. Jeder war sich selbst der Nächste.

In Maschinenöl gebratene Fladen aus Kleie und Gras, das unter dem Schnee ausgegraben wurde. Suppe aus Tapetenleim und Ledergürteln und Tannenzweigspitzen. Und eine Frau soll ihre Kinder mit ihrem eigenen Blut gefüttert haben. 54.000 Tote. Dystrophie, die Hungerkrankheit. Auch Leningrader Krankheit genannt.
Abgründe des Menschseins tun sich auf. Man vergisst die Werte des Lebens.

Eine Frau sagt: »Sowas kannten wir doch nur von irgendwelchen wilden eingeborenen, Stämmen.«
Da schalte ich um.

Auf VOX kommt Das perfekte Dinner. Portweinreduktion auf Hähnchenrollen mit grünem Pesto, Kartoffelpüree und Paprikagemüse.
»Das Fleisch hätte mich anschauen müssen. Ich hätte mir gewünscht, dass ich nicht über das Püree steigen muss, um an mein Fleisch zu kommen!« sagt ne blonde Lulatschtussi mit Bobfrisur und lila Kleid, weil der Gastgeber den Teller falsch herum auf den Tisch gestellt hat.

Dann halten sie Smalltalk beim essen. Über die Nationalität des Gastgebers. Und er macht nen Starwarswitz über die Sith, weil er wie ein Inder aussieht: »Ich habe da noch nie nen Turbanträger bei Starwars gesehen.« sagt die Blonde.

Zumindest die Portweinsoße war der Knaller. Zum Nachtisch gibt es indisches Eis mit eingedickter Milch und Mandelkrokant. »Wenn das mal so aussieht wie es schmeckt« verplappert sich einer.
»Man schmeckt den Safran,« bemerkt die Blonde, aber der Himbeerspiegel habe sie irritiert.

Wieviele Punkte der Koch bekommt, kriege ich nicht mehr mit, weil es verbrannt riecht aus der Küche.

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