KEIN FOTO AUF DEM TRAFALGAR SQUARE

Ich sitze mit Maria am Trafalgar Square und mache Pause vom Sightseeing. Neben mir sitzt eine Frau auf den Stufen. An ihrem linken Handgelenk trägt sie eine pinkfarbene Plastikuhr. Vielleicht hat sie eine Nickelallergie. Meine Mutter hat auch eine Nickelallergie, aber sie trägt keine pinken Plastikuhren, sondern bepinselt sich die nickelhaltigen Stellen ihrer meistens in dezentem schwarz, blau oder dunkelbraun ausfallenden Armbanduhren mit Klarlack, um Ausschlag vorzubeugen.

Die Frau, die gerade neben mir sitzt, ist bestimmt viel älter als Mama. Die dunkelbraunen Flecken auf ihren Handrücken verraten es. Trotzdem trägt sie diese rosa Uhr. Und irgendwie passt die Uhr zu ihr, obwohl ich sie wohl nie am Handgelenk einer Frau ihres Alters vermutet hätte. Wahrscheinlich scheisst sie drauf, dass es Leute gibt, die sagen, dass man ab einem bestimmten Alter nicht mehr versuchen sollte, mit der Jugend zu konkurrieren.

Die Frau ist nicht der Madonna-Typ. Sie hat Falten im Gesicht und trägt Oldschool-Sandalen. Dick, klobig und ökomäßig. Man kann die rissige Hornhaut an ihren Fersen sehen. Ich frage mich, wo ihre Füße sie wohl schon überall hingetragen haben?

Auf ihrem Schoß liegt ein Notizbuch und die Frau hat zwei leere Seiten aufgeschlagen, auf die sie etwas mit Wachsmalstiften zeichnet. Sieht aus wie Menschen. Aber wenn ich so in die Menge vor uns auf dem Platz und auf den Stufen gucke, kann ich nicht erkennen, wen genau sie da porträtiert. Ihre Zeichnungen sind viel zu undeutlich und unrealistisch. Gekrickel. Das könnte ich mit Sicherheit auch, wenn ich Papier und Stift dabei gehabt hätte. Oder Stifte. So wie die alte Frau, die einen ganzen Haufen von Wachsmalern dabei hat. Die liegen verstreut in einer durchsichtigen Plastiktüte neben ihr auf dem Boden. Und sie greift hinein und kramt nach den Farben, die sie gerade braucht.

Die Frau hat ziemlich viele Farben dabei, mehr als nur die Basisfarben, rot, gelb grün oder blau. Und damit haucht sie ihrem Bild jetzt doch Leben ein und nach und nach wird es egal, ob sie die Stimmung auf dem Platz originalgetreu festhält oder sich doch nur von ihr inspirieren lässt.

Ab und an bleibt jemand stehen und schaut ihr über die Schulter. Einige runzeln sogar die Stirn, andere gucken skeptisch, als wäre die Frau verrückt. Aber sie scheint sich nichts daraus zu machen. Unbeirrt malt sie weiter.

Jetzt steckt sie ihren Arm in den Stoffbeutel, den sie auch noch dabei hat und zieht eine kleine Farbschatulle mit noch viel mehr Farben heraus. Außerdem hat sie einen Stift, der mit Wasser gefüllt ist. Damit verwischt sie die Farben ihrer Zeichnung und verwandelt sie in ein Aquarell, macht sie immer lebendiger. Man erkennt die hohe Säule in der Mitte des Platzes und die Menschen die um uns herum stehen und sitzen, Fotos machen, sich unterhalten, innehalten und die Zeit genießen.

Auf einmal spielt Zeit nur noch auf der großen Uhr eine Rolle, die anzeigte, wie viele Tage, Stunden und Minuten noch bis zu den Paralympics verstreichen.

Als die Frau mit der pinken Plastikuhr ihr Werk vollbracht hat, legte sie ein Stück Papier zwischen die Seiten, sodass die Farben nicht verschmieren. Dabei blättert sie kurz in ihrem Buch und ch Emma erhasche kurze Blicke auf das bereits Gemalte, erkenne ein Gesicht, schwarze Zeichnungen, Krickel-Krackel ohne Bedeutung für jemanden, der nur flüchtig hinsieht. Die bemalten Seiten sind wellig von der Farbe und lassen das Buch aufquellen. Es sieht ziemlich benutzt aus. Und es erscheint mir so wertvoll. Ich wünschte, es wäre mein eigenes.

Die Frau sieht zufrieden aus, als sie das Büchlein und ihre Stifte wieder in Plastiktüte und Stoffbeutel packt. Dann sitzt sie einfach nur da und ich glaube sie lächelt, obwohl sich ihre Gesichtszüge nicht merklich regen. So sieht wohl jemand aus, der im Reinen mit sich selbst ist.

Erst jetzt erkenne ich die Aufschrift auf ihrem Jutebeutel. Feel free to take your time and follow those things that you really believe in. Truly. No matter what people say. Den Spruch hab ich schonmal gelesen. Auf der Tasche eines Hipstermädchens. Trotzdem passt er hier.

Wir brechen auf, London hat zu viel zu bieten und wir machen nur einen Kurztrip.

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